Rosie, Künstlerin – Bristol

Wie ist die aktuelle Situation während der Coronakrise für dich persönlich?

Ich war bisher noch nicht krank und ich gehöre nicht zur Risikogruppe, da ich in meinen Zwanzigern bin und keine Vorerkrankungen habe, was sehr beruhigend ist! Wie wir alle mache ich mir Sorgen um meine Familie und Freunde, aber ich freue mich, sagen zu können, dass es uns bisher allen gut geht. Zuerst schien es, als ob mein Arbeitsgebiet stark betroffen ist, da ich meinen Lebensunterhalt damit verdiene, meine Kunstwerke in den Städten auf überfüllten Märkten zu verkaufen, die schnell abgesagt wurden. Aber seitdem ist deutlich geworden, wie fast jeder unserer Lebensgrundlagen betroffen ist. Ich habe Glück, dass es sofort online viel Unterstützung für mich gab, und ich habe das Gefühl, dass viele Menschen wirklich glücklich sind, kleine Unternehmen zu unterstützen.

In den ersten fünf Wochen des Lockddowns in England hatte ich das Gefühl, dass ich sehr viel Energie hatte und nicht wusste, was ich tun kann, um produktiv zu sein und zu helfen. Ich begann mich zu fragen, was die Zukunft für wichtigsten Dinge wie frische Lebensmittel bringen könnte, also habe ich mich um landwirtschaftliche Arbeit bemüht. Ich hatte wirklich Glück, eine freiwillige Arbeit in einer Gärtnerei außerhalb von Bristol zu finden, was bedeutete, dass ich in eine Jurte auf dem Bauernhof zog, um mich sicher zu isolieren (da ich in einer WG mit 6 Leuten wohnte, von denen 3 außerhalb des Hauses arbeiteten), so dass ich etwas über den Anbau von Gemüse und die Pflege von Vieh lerne und auch wieder mit der Natur in Berührung kommen konnte, nachdem ich 7 Jahre lang in der Stadt gelebt hatte. Der Anreiz durch den Lockdown, etwas zu verändern, ist für mich magisch und ich bin unglaublich dankbar für meine neue Situation!

Bevor ich diese Woche umzog, hatte ich gute und schlechte Tage, wie die meisten meiner Familie und Freunde. Es gibt die Zeiten, in denen man von der Schwere dessen, was geschieht und was in der Zukunft liegen könnte, betroffen wird, und dann gibt es die Tage, die glücklicherweise häufiger sind, an denen man die kleinen Freuden des täglichen Lebens zu schätzen weiß und die Angst von gestern als Treibstoff für die Ausdauer von heute und die Motivation von morgen nehmen kann.

Wofür bist du in dieser Situation dankbar?

Als jemand, der in Vollzeit gearbeitet hatte, bin ich sehr dankbar für die Möglichkeit, als einzelne Person und auch als Teil in der Gesellschaft, das Tempo zu drosseln. Es kommt nicht oft vor, dass wir das Leben auf so ähnliche Weise erleben wie unsere Nachbarn, Fremde und Familien. Es entsteht eine Gemeinschaft dadurch, dass wir dies gemeinsam durchstehen, und es scheint mir, dass dadurch die Chance auf eine erweiterte Perspektive und Sympathie für andere in weniger sicheren oder komfortablen Umständen eröffnet wird. Viele Menschen haben Wege gefunden, anderen zu helfen, die sich in schwierigeren Situationen befinden, was besonders gut für ein Land wie England ist, wo wir nicht oft genug mit neuen Menschen zu tun haben und wo es aufgrund von Brexit und rechten Ideen ein Gefühl wachsender Feindseligkeit gibt. Es hat die Menschen näher zusammengebracht (natürlich mit dem Abstand von 2 Metern), und das zu einer Zeit, wo es dringend nötig ist.

Ich weiß, es klingt schrecklich, und in ein paar Monaten werde ich meine Worte bereuen aber ich bin auch irgendwie erleichtert, dass wir daran erinnert wurden, dass wir und unsere Versorgungsketten nicht unbezwingbar sind. Ich mache mir oft Sorgen, dass viele von uns einen ignoranten und verschwenderischen Lebensstil führen, aber es gibt nichts Besseres als eine Pandemie, die einen dazu bewegt, darüber nachzudenken, wie man sein Leben führt und was man dafür wirklich braucht.

Was möchtest du gern machen, wenn die Krise vorbei ist?

Ich werde auf jeden Fall eine große Party in meinem Kunstatelier veranstalten mit viel Live-Musik, Spielen und Fässer mit Ale und Apfelwein, um gemeinsam bis in die frühen Morgenstunden zu feiern.
Mir war nicht ganz klar, wie sehr ich Märkte, Messen und Ausstellungen liebe, die das Lebenselixier meiner Tätigkeit als Künstlerin sind; die Interaktionen mit den Menschen bei diesen Veranstaltungen sind es, die mich in meine Arbeit bestärken und motivieren, und ich sehne mich nach einem guten Gespräch mit einer Fremden über ihre faszinierenden Erfahrungen mit dem menschlichen Körper, die meine von Natur und Medizin inspirierten Illustrationen oft anregen.

In den letzten zehn Jahren hatte ich das Glück, dass ich einen großen Teil meiner Sommermonate mit der Arbeit an Kunst- und Musikfestivals verbracht habe, und ich hoffe, dass ich mich wieder intensiver und energischer in diese Veranstaltungen einbringen kann. Ich würde gerne mehr Kunstunterricht geben und mehr Wandbilder malen, um die Kunst auf die Straße zu bringen, auch in Hannover!
Ich würde auch gerne irgendwie weiter auf und mit dem Land arbeiten, entweder indem ich weiterhin ehrenamtlich auf dem Bauernhof arbeite oder bei Gemeinschaftsprojekten helfe, bei denen es um den Anbau von lokalen Lebensmitteln geht.

Was wünscht du dir langfristig für Europa?

Für mich steht Europa für Freiheit, Einheit und Abenteuer. Alles Dinge, die ich als Britin ohnehin befürchtet hatte, durch den Brexit zu verlieren, aber mit der zusätzlichen Sorge, wie sich der Corona-Ausbruch auf diese wichtigen Teile der europäischen Kultur und Wirtschaft auswirken könnte, hoffe ich, dass alle Länder bald wieder zusammenarbeiten und wir gefahrlos reisen können. Ich persönlich hoffe, dass ich in meinen Kleinbus einsteigen und Hannover bald wieder besuchen kann.